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Spiegel Wissen-Heft 2/2011 "Leben lernen",

Schon mal was von Inklusion gehört?
Aufruf zum Schreiben von Leserbriefen

Das neue Spiegel Wissen-Heft 2/2011 "Leben lernen", das sich mit den aktuellen Herausforderungen an Schule beschäftigt, erwähnt Inklusion mit keinem Wort.  Das Inhaltsverzeichnis des Heftes findet sich hier: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelwissen/index-2011-2.html.

 

Ein LAG-Mitglied hat sich den Spaß gemacht, sämtliche Stellen herauszuschreiben, an denen Kinder mit Behinderung überhaupt vorkommen:

S. 31 Das Lernen lernen (über Grundschulen) „Bietet die Halbtags- oder Ganztagsvariante die besseren Chancen? Helfen Wege wie bilingualer Unterricht in Deutsch und Englisch oder das gemeinsame Lernen von Nichtbehinderten und Behinderten meinem Kind?“

S. 75 Das Prinzip Freiheit (über Schulen in Kanada) „Der gemeinschaftliche Ansatz in British Columbia bezieht auch behinderte Kinder mit ein: Die Schulleitung versucht, in jedem Kurs von durchschnittlich 30 Schülern maximal zwei mit „besonderen Bedürfnissen“ zu platzieren. Zur Betreuung gibt es „special assistants“, die sich auch mal um ein einziges Kind kümmern. Wir integrieren aber nicht der Integration zuliebe, sondern nur da, wo es sinnvoll ist“, sagt John Crowley, stellvertretender Schulleiter an der Rockridge Schule. Für manche Kinder sei zwar eine spezialisierte Einrichtung besser, aber wo es gehe, würden die geistig oder körperlich beeinträchtigten Schüler am Unterricht teilnehmen, auch wenn es nur ein paar Wochenstunden sind. „Das nimmt den Kindern schon sehr früh Berührungsängste, und zwar auf beiden Seiten“, sagt Crowley.“

S. 84 Planet des Lächelns (über die Dresdner Montessorischule Huckepack) „Bis Klasse 10 sind behinderte Kinder integriert, egal ob Down-Syndrom-Betroffene oder Schwerhörige.“

 

Das war´s! Angesichts dieser kompletten Ignoranz wurde ein Leserbrief an die verantwortlichen Damen und Herren geschrieben. Wäre schön, wenn noch viele weitere folgten.

Senden Sie Ihre Briefe an:
bettina_musall@spiegel.de
georg_mascolo@spiegel.de

 

Hier der Leserbrief:

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Ihr Spiegel Wissen-Heft 2/2011 „Leben lernen“ über die heutigen Anforderungen an Schule sah viel versprechend aus. Tatsächlich sind spannende Artikel drin, die vor allem den Nach-PISA-Wahn um Lernstandards wohltuend relativieren. Trotzdem wurde ich beim Lesen von Seite zu Seite unruhiger und fragte mich: Wann – endlich – informiert Spiegel Wissen über die wohl größte Herausforderung, vor der deutsche Schulen aktuell stehen: integrationsfähig auch für Kinder mit Behinderung zu werden, sprich: die Inklusion? Nach 138 Seiten musste ich feststellen: Nicht einmal das Wort Inklusion hat es ins Heft geschafft. Auch das Wort „Sonderpädagoge“ habe ich trotz akribischer Suche nicht gefunden. Immerhin kommen an drei Textstellen „behinderte Kinder“ vor: In einem Artikel über Kanada, im Bericht über die Montessorischule Dresden und - als Fragevorschlag für Eltern im Grundschulartikel, ob gemeinsamer Unterricht von Nichtbehinderten und Behinderten dem eigenen Kind wohl helfe. Das Letztere ist übrigens eine besonders unpassende Frage, da es spätestens seit der UN-Behindertenrechtskonvention mit Sicherheit nicht mehr das Recht auf behindertenfreie Schule gibt – egal ob Eltern der Meinung sind, ob ihrem nichtbehinderten Kind der gemeinsame Unterricht helfe oder auch nicht. Nun frage ich mich, warum die Spiegel Wissen-Redaktion die Herausforderung der Inklusion nicht zum Thema macht. Eine Möglichkeit wäre, dass Sie gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung für so selbstverständlich halten, dass Sie es gar nicht mehr erwähnen müssen. In diesem Fall: Glückwunsch, Sie sind Ihrer Zeit voraus. Doch hätten Sie vielleicht ein bisschen Rücksicht auf Ihre Leser nehmen müssen, die überwiegend noch gänzlich ahnungslos sind. Eine zweite Möglichkeit wäre, Sie halten Inklusion für ein Minderheitenthema, das mit den „richtigen“ Schuldebatten nichts zu tun hat. Dies ist eine Fehleinschätzung – nicht nur, weil es in Deutschland immerhin rund 480.000 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gibt, die zu mehr als 80 Prozent zur Zeit noch Sonderschulen besuchen. Sie sollten auch bedenken, dass gemeinsames Lernen nicht nur für diese Schüler eine Umstellung ist, sondern ebenso für die rund 9 500 000 anderen Schüler, mit denen sie in Zukunft täglich gemeinsam lernen werden. In jedem Fall ist es mir ein absolutes Rätsel, wie es Ihnen passieren konnte, im Jahre 2011 angesichts hitziger Debatten in fast allen Bundesländern, wie die Verpflichtung der UN-Behindertenrechtskonvention zu einem inklusiven Bildungssystem denn nun umzusetzen sei, dieses Thema so konsequent zu ignorieren. Müssen wir Spiegel Wissen jetzt in Spiegel Nichtwissen umbenennen?

 

Ratlos

 Ihre Leserin



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